Lorena Pircher wurde 1994 in Südtirol, Italien, geboren. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften, Englisch und Französisch in Wien und Frankreich. Veröffentlichung zweier Gedichtbände sowie mehrerer Erzählungen und Gedichte in Literaturzeitschriften und Anthologien. 2024 erhielt sie das Startstipendium für Literatur des BMKOES. Sie lebt in Wien und arbeitet im Verlagswesen sowie als literarische Übersetzerin und Dolmetscherin aus dem Italienischen, Spanischen und Französischen ins Deutsche. Letztens erschienen: eure stimmen eure sprachen. Lyrik. (edition exil, Wien, November 2024).
Weitere Publikationen:
- aus erzählungen III, abschied in teilen I und abschied in teilen II in DAS GEDICHT#32, November 2024.
- holz an haut, Langgedicht in litrobona Nr. 5, AUThentität, Frühjahr 2024.
- vom davor im danach, Gedichtzyklus in Anton G. Leitner DAS GEDICHT, Online-Forum der Zeitschrift DAS GEDICHT, Februar 2024.
- blaurot, Gedichtyzklus in mosaik freiVERS, Februar 2024.
- neujahr, Langgedicht in der Anthologie Preistexte 2023, Verlag edition exil, Wien, Dezember 2023, ISBN 978-3-901899-90-4.
- Zungen, Kurzgeschichte in der Anthologie Preistexte wortlaut 2023, Luftschacht Verlag, Wien, November 2023, ISBN 978-3-903422-38-4.
- Sommer auf deinem Gesicht, Kurzgeschichte in der Anthologie Tiroler Vorlesebuch, Haymon Verlag, Innsbruck, Juni 2023, ISBN 978-3-7099-8173-3.
- langetage (lyrische Kurzprosa) in &radieschen Nr. 66, April 2023.
- an einem dieser tage (Kurzgeschichte) in DUM Nr. 105, April 2023.
- Solstitium 73, Kurzgeschichte in PODIUM Nr. 207/208 Science/Fiction, Frühjahr 2023.
Laudatio
Laudatio auf Lorena Pircher
≫… als hafteten daran ganzlich summende traumreste …≪: Was schwingt nach, wenn etwas verklingt? Der Traum als Verarbeitung des Geschehenen, als Erinnerung auch: Der Rest eines Traumes. Dies zu ergrunden haben sich die Lyriker:innen 2025 bemuht. Ein Beitrag betonte den Aspekt dieser Erinnerung, ihrer Auflosung bis hinein ins Traumhafte. Dabei ist Gesagtes und Unausgesprochenes hier zunachst das Thema. Das Wort als Trager der Welt: So schlicht die Sprache ist, so schon ist sie auch, und ohne, dass man genau kennt, was die Autorin beschreibt, spurt man sofort, um was es geht. Eine grose Klarheit liegt in diesen Versen, die erzahlen, ohne etwas zu erzahlen. Da braucht’s keine Formulierungspracht, keinen Adjektivwahn: gelb rot grün deine kleider leblos an der wäscheleine. Dieses Changieren zwischen Beschreiben und Erzahlen ist es, das ihren Reiz ausmacht. Die Mittel sind einfach – gelb rot grün deine kleider leblos an der wäscheleine – doch aus dieser Einfachheit heraus diese grose Wirkung zu erzielen, das ist gros. Hier wird uns die Erinnerung an eine Jugend prasentiert, in eine traumhafte Ferne geruckt, verknupft mit der Erinnerung an die Altvorderen – nein, so ein fremd-artig-altmodisches Wort braucht die Autorin natürlich nicht, um uns eine vergangene Zeit vor Augen zu führen, so fern gerückt, dass sie schon ins Schema eines Traums hinüberhuscht: wieder kind sein felder neben mir. Ein Bild entsteht, das sie gar nicht weiter ausmalen muss. Wieder kind sein felder neben mir. Was ist übrig geblieben von der Vergangenheit: Ihre Spuren kennzeichnen die Räume, die die Hüllen sind eines vergangenen Lebens. ein zimmer: dein geruch noch darin von zitronen und kräutern wie damals als ein bisschen meer auf meinem arm – und es bricht ab. Was ist es, was die Erinnerung so plötzlich abbrechen lässt? Die Sprache abbrechen zu lassen, ist ein Stilmerkmal dieser Verskunst: Die Leser:innen vervollständigen aus der eigenen Erinnerung, was hier fehlt. Das setzt die Autorin mit traumwandlerischer Sicherheit ein – es funktioniert, immer. Doch dabei bleibt sie nicht stehen. Was Stilmittel war, wird zur Bedrohung, und das packt unmittelbar: hast eine lange rote linie gemalt auf geflieste wand als du nicht mehr wusstest: wo der flur die küche und der gang dahinter heißt es hier, noch ganz erzählerisch. Die rote Linie, geradezu ein Ariadnefaden, soll helfen, doch dann geht es weiter und endet es mit: die erinnerung was du Abbruch. Hier greift die Demenz zu, mit unerhörter Macht, und wo die Stimme abbricht, da bleiben jetzt Leerstellen, die nicht mehr zu füllen sind, von niemanden. Und doch besteht die Erinnerung an den geliebten Menschen fort, kehrt sie immer wieder: wenn abends nur noch wind und blau (…) und nur noch blau und wind Es hat etwas Tröstliches, dass die Erinnerung aus der Betrachtung wieder aufsteigt, aus der Betrachtung von etwas Bekanntem, das immer wieder kehrt: wenn abends nur noch wind und blau (…) und nur noch blau und wind Kein Punkt dahinter, dies kann und wird fortgesetzt werden – Fragmente sind dies, Traumfetzen. So schön, so harmonisch das hier klingt, so schön ist es auch, ist diese Sprache, so harmonisch sind diese Verse, changierend zwischen erzählenden Sätzen und impressionistischen Wortflecken. Jeder Vers jedoch ein Ruf, der etwas aufruft und zum Schwingen bringt, in einem selbst, wie summende Traumreste. Das ist es, was uns als Jury an diesen Versen ergriffen und begeistert hat: Der erste Preis des Lyrikpreises Feldkirch 2025 geht an Lorena Pircher.
Klaus Berndl für die Jury des Feldkircher Lyrikpreises 2025
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